Dagur 72


ICEBERG: Grönland Eis vor dem Haupteingang der Harpa (Konzerthaus) in Reykjavik.


Die Ereignisse der letzten zwanzig Tage mal eben zusammenzufassen wird nicht leicht, aber ich gebe hier einen Einblick in die wichtigsten/kuriosesten/schönsten Momente.

Die Woche nach meinem letzten Blogeintrag begann mit free Pizza in der Mittagspause:
Ein Fehler des Lieferanten führte dazu, dass die Uni für eine Veranstaltung zunächst zu wenig und anschließend, durch eine ebenso fehlerhafte Korrektur, zu viel Pizza hatte - deutlich zu viel, und wir bekamen via Mail und Facebook mitgeteilt man könne sich kostenlose Pizza am Haupteingang abholen.

Es war zwar keine selbstgemachte, aber hey, einem geschenkten Gaul (…). Plus: Ich hatte auch schon bedeutend schlechtere Pizza von Lieferdiensten.

Was das Fischen angeht: Wir haben (dem unzureichenden Arbeitsmaterial geschuldet, so mag ich zumindest glauben) immer noch keinen Fisch gefangen, immerhin aber einen Köhler von etwa 50 cm an der Angel gehabt. Leider ist er dann mit dem neu gekauften Köder davongeschwommen nachdem er die Schnur abgerissen oder durchgebissen hatte.

Ein paar Tage später gab es aufgrund einer mir nicht näher bekannten Veranstaltung der Uni frische Waffeln, ebenfalls nahe des Haupteinganges. Also liefen wir für ein Dessert nach Mittag ebendorthin, direkt ein einer kleinen Traube von Menschen die im Gespräch waren vorbei. Einen Augenblick später meinte ein heimischer Mitstudent wir seien gerade unter anderem an der Premierministerin Islands vorbeigelaufen.

In Deutschland kaum vorstellbar, ohne Presse oder Sicherheitsvorkehrungen direkt an einem Politiker höherer Ebene vorbeizugehen ohne es selbst zu merken.

In der Warteschlange für die Waffeln angelangt, und endlich an der Reihe bestand nun die Möglichkeit sich Marmelade und/oder Sahne auf die Waffeln zu machen.
Wenn schon denn schon also mit dem Willen beides daraufzugeben nach der großen Kanne aus Edelstahl gegriffen. Es gab nämlich die typische Sprühsahne aus der Dose, oder die Variante eines Sahnespenders mit Distickstoffmonooxid (Lachgas) in einer Kartusche mit frischer Sahne.

Ich richtete also die Öffnung der Kanne in relativ flachem Winkel auf die Waffel und drückte einen der beiden Knöpfe. Nichts geschah, denn der Knopf ließ sich auch nach festerem Drücken nicht tätigen. Also den zweiten Knopf durchgedrückt -  mit derselben erhöhten Kraft wie zuvor.

Ergebnis: Die aufgesprühte Sahne wurde durch den Druck in der Gaskartusche in einem Strahl auf die Waffel, und durch den flachen Winkel von dieser reflektiert und gestreut, wie Licht von einer glatten Oberfläche.

Kaffeestand mit Kaffeespender, Tassen, Zucker, Löffel, sowie die wartende Reihe weiterer hungriger Waffel-Expektanten, bis hin zur zuvor erwähnten Menschenmenge, wurden von diesem Schwall frisch aufgeschäumter Sahne unvorbereitet erfasst.

Der ungläubige Blick meinerseits wurde erwiedert und nach einem Moment der bloßen Fassungslosigkeit, in dem ich lediglich mit offenem Mund dastand entschuldigte ich mich gefühlt tausend Male, offerierte allen Opfern erste Hilfe mit den paar Servietten die selbst noch sauber geblieben sind, wischte Boden und Kaffestand sauber, um mich anschließend noch einem tausend Male zu entschuldigen.


Die Waffel blieb indes von Sahne weitgehend verschont, aber ich sah davon ab es nochmal zu probieren und blieb bei Rhabarbersirup.


Von diesen Ereignissen abgesehen gab es auch weniger peinlichere Momente.
Montags vor zwei Wochen wollten wir nach Húsavik zum Whalewatching. Auto war bereits gemietet, doch wurden wir morgens informiert, dass die Tour auf Grund des starken Seeganges an diesem Tag abgesagt werden muss. Daraufhin sind wir dennoch nach Húsavik gefahren, um einen Ersatztermin vor Ort auszumachen und nutzten die Gelegenheit noch für einen Trip nach Ásbyrgi, einer hufeisenförmigen Felsformation, in dessen Schluchten Sumpfgebiet mit vielen kleinen Birken und Sträuchern vorherrscht.



Danach ging es dann wieder Richtung Húsavik, da wir das relativ neue GeoSea Thermalbad auschecken wollten. Einen kleinen Stop machten wir auf dem Weg dorthin an einem schwarzen Sandstrand:


Von etwa halb sieben bis zehn Uhr wurden dann die fälligen 2700 ISK (Etwa 22 EUR, ermäßigter Eintritt für Studierende) auch gänzlich ausgenutzt.




Bei wolken- und nebelfreiem Wetter hätte man einen Ausblich auf den gesamten Eyafjördur nordwärts. So mussten wir uns mit dem heißen Wasser ohne großem Ausblick begnügen. Das nächste Mal wird spontan hingegangen, in der Hoffnung nicht nur besseren Ausblick auf den Fjord, sondern auch auf etwaige Nordlichter zu haben.

Den Termin hatten wir auf dieselbe Woche Freitag gelegt und das Auto erneut für den Tag gebucht. Diesmal mit Erfolg:




Wir bekamen nach etwa anderthalb bis zwei Stunden erst einen (toten) Bottlenose Whale zu Gesicht, kurz darauf einige Buckelwale. Einer dieser Riesen kam direkt neben unserem Boot hoch, sodass man ihn in ganzer Länge bestaunen und auch den Kopf sehen konnte.

Auf der Rückfahrt nach Húsavik gab es dann noch Zimtschnecken und heiße Schokolade. Zumindest wenn man nicht Seekrank war, denn trotz des guten Wetters war der Wellengang deutlich und die See alles andere als ruhig. Ich persönlich war dafür glücklicherweise nicht anfällig, und so konnte ich mir die (eher warme als heiße) Schokolade schmecken lassen ohne sie instantan wieder von Bord schicken zu müssen.

Ursprünglich wollten wir eine Tour mit einem Segelschiff oder einem extrem leisen elektrisch angetriebenem Boot zum Whalewatchingmachen, beides war jedoch nur bis Mitte/Ende September verfügbar. Northsailing.is kann ich dennoch als Anbieter für solche Touren empfehlen.

In Akureyri konnte ich letzte Woche endlich mein Hauptprojekt (Untersuchung verschiedener Wachstumsparameter auf Trockenmasse, Fettsäurespektrum, Vitamingehalt, etc. für Spirulinae)  beginnen. Derzeit wird aber nur eine Wachstumskurve bei unterschiedlichem Nitratgehalt aufgenommen.



Meine Tante schickte mir ein kleines Carepaket mit selbstgemachter Marmelade, Nüssen (beides eine super Ergänzung zum täglichen Skyr) und - ganz wichtig - einem zweiten Paar Stricksocken, denn bei einem Paar hat man das Problem keine mehr zu haben während man das andere wäscht.

Ich selbst habe ebenfalls das Stricken begonnen und einen sehr kleinen Schal, eher ein Kragen, gefertigt. Eignet sich auch als Stirnband und Schlafmaske:

Als Stirnband
Als "Schal"

Den zweiten habe ich bereits angefangen und bin entschlossen ihn etwas größer ausfallen zu lassen.

Das vergangene Wochenende fand die Arctic Circle Assembly in der Harpa in Reykjavik statt.
Zur näheren Erklärung sei hier der Wikipedia Eintrag in gekürzter Fassung übersetzt:

Der ArcticCircle ist eine Organisation, die unter anderem vom ehemaligen isländischen Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson gegründet wurde. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, den Dialog zwischen politischen und unternehmerischen Entscheidungsträgern, Umweltexperten, Wissenschaftlern, indigenen Vertretern und anderen internationalen Akteuren zu erleichtern, um Probleme anzugehen, mit denen die Arktis infolge des Klimawandels und schmelzendem Meereis konfrontiert ist. Die Organisation stilisiert sich als internationale Organisation mit einem Sekretariat mit Sitz in Reykjavik, Island.

Die erklärte Mission des ArcticCircle ist  "den Dialog zu erleichtern und Beziehungen aufzubauen, um schnelle Veränderungen in der Arktis zu bewältigen " und  "den Entscheidungsprozess zu erleichtern, indem so viele internationale Partner wie möglich zusammengebracht werden, um unter einem großen "offenen Zelt" zusammenzuarbeiten.  
Die Organisation wurde als Reaktion auf Probleme gegründet, mit denen die Arktis infolge des Klimawandels und des Schmelzens von Meereis — sowie Öl-und Gasexploration, Umweltbelange, nationale Sicherheit und die Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung — und die wachsenden internationalen Interessen in der Region. 
Mit der Öffnung der Schifffahrtswege und anderen wirtschaftliche Entwicklungen in der Arktis, so die Organisation, "rückt die Region in den Mittelpunkt und spielt eine bedeutende Rolle in Fragen wie Globalisierung, wirtschaftliche Entwicklung, Energie Exploration, Umweltschutz und internationale Sicherheit."
Der ArcticCircle veranstaltete Oktober 2013 in Reykjavík seine erste offene Versammlung im dortigen Konzertsaal und im Konferenzzentrum Harpa. Die Veranstaltung findet seitdem jeden Oktober statt und wird als  "ein neuer Mechanismus für bestehende Institutionen, Organisationen, Foren, Think Tanks, Unternehmen und öffentliche Verbände" beschrieben, um "ein globales Publikum auf effiziente Weise zu erreichen."

Soviel zur Information. 

Zur diesjährigen Versammlung konnten wir uns über die Universität als Freiwillige Helfer melden.
Da das alles recht interessant klang meldeten sich eigentlich fast alle Austauschstudenten hierfür an.
Donnerstag gegen 15 Uhr machten wir uns dann mit dem Bus von Akureyri auf den etwa sechsstündigen Weg in die Hauptstadt. Nachdem ich meine Laufschuhe im Krankenhaus abgeholt hatte (sind mir Tags zuvor auf dem Heimweg samt Beutel aus dem Rucksack geflogen).
Bei Ankunft in der Harpa wurden wir gleich noch für die nächsten Tage eingewiesen und erhielten unsere Shirts und Badges, sodass wir auch Zugang überallhin erhielten.

Harpa in Reykjavik

Die Nacht haben wir wie die meisten in einem Hostel in der Nähe (etwa 20 Minuten zu Fuß) verbracht.

Am näcshten Morgen ging es dann auch schon los: Kaum in der Eingangshalle mit noch müdem Blick und Jogginghose angekommen bildete sich kurz darauf vor mit eine große Traube von Fotografen und anderen Leuten die auf etwas bestimmtes warteten, worauf ein Wagen mit japanischen Nationalflaggen daran vorfuhr und vor uns der japanische Außenminister vom ehemaligen isländischen Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson begrüßt wurde.

"Gut, leicht underdressed" dachte ich mir und wechselte nicht zu Shorts sondern tatsächlich zu langen Jeans und mit einem Kaffee ließ auch der müde Blick etwas nach. Ich habe meine Mitstudierenden etwas bei ihrer Arbeit begleitet, da ich erst später ran musste aber wissen wollte wie das, was uns am Vorabend noch erklärt wurde in der Praxis aussah.

Letztlich waren unsere Tätigkeiten: Mikrofone im Plenarsaal herumreichen, Auffüllen der Wasservorräte, Leuten mit fragendem Blick dabei helfen den richtigen Raum zu finden, Auszählen wie viele Leute an welcher sog. "Breakout Session" teilgenommen haben und letztlich Garderobendienst. Klingt alles vielleicht weniger spannend als "Communications Coordinator", "Cloakroom Manager", o.ä., ist aber ehrlicher ^^

Die Jobs waren allesamt leicht zu erledigen wenn man nicht - wie Tags darauf - mit den Nebenwirkungen des Reykjaviker Nachtlebens zu kämpfen hat.
Apropos: In Reykjavik ist der Wind deutlich stärker als in Akureyri. Davon kann auch meine Brille zeugen, die mir von der Nase und einmal quer über die Hauptstraße geweht wurde.

An Bars und Clubs mangelt es in Reykjavik nicht.


Die Veranstaltung war extrem interessant und ein jeder fand etwas, dass ihn im Rahmen seines Studienfeldes oder privat betrifft oder interessiert.

Allerdings: Da es ja sehr viel um Nachhaltigkeit, Umweltschutz und globaler Erwärmung ging war es umso ironischer, dass die Gäste zu Mittag von Plastiktellern mit Plastikbesteck aßen und aus Plastikflaschen Tranken.
Dieser Umstand hat es sogar zu einer Erwähnung im isländischen Fernsehen geschafft.

Daneben gab es auch noch Abendprogramm, wie hier bei der China Night:




Am letzten Tag ging es morgens - diesmal unverkatert - in die Bäckerei Brauð & Co. um die legendären Zimtschnecken zu probieren. Bei einem Preis von fast 4 € das Stück sind die Erwartungen hoch... 
Und wurden übertroffen! Und das sage ich nicht einfach so, denn oft denke ich mir "ja gut, aber hätte ich selber auch hinbekommen.", was ich in diesem Fall stark zu bezweifeln wage. 
Das beste war, dass diese noch so warm waren, dass man sich gleichzeitig die Hände an ihnen wärmen konnte.

Spontanes Gruppenbild


Nach dem letzten Tag der Konferenz fuhren wir wieder zurück, die meiste Zeit der Fahrt verbrachte ich mit dem Stricken am zweiten Schal. 

Soweit so gut, Takk fyrir að lesa!

PS: Gestern Abend hat es in Akureyri das erste mal richtig geschneit:



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