Dagur 144



Eis. Schnee. Doch nicht.

Zuerst sah es so aus als bliebe uns hier in Akureyri keine weiße Weihnacht vergönnt, hatten wir nur ständig zweistellige Minusgrade und keinerlei Niederschlag.
Dies hatte ich zuvor noch nicht über einen solch langen Zeitraum von fast zwei Wochen erlebt. Die Luftfeuchte kondensierte des Nachts und bildete wunderschöne Eiskristalle auf allem. Die Straßen waren mit gräulichem Staub bedeckt, was - wie sich herausstellte - lediglich die von den Autoreifen fein zermalmten Eiskristalle war. Die niedrige Temperatur ließ das Eis nicht tauen, so wuchsen und wuchsen die Eiskristalle und es funkelte in der Dunkelheit wie in einer sternklaren Nacht.
Man konnte die großen Exemplare mit der Hand zusammenkehren und schütteln, sodass sie wie feine Glassplitter klangen, wenn sie aneinandergestoßen sind.
Alles in allem also ein zwar schneeloser, aber dennoch wunderschöner Winteranfang. Mit dem richtigen Equipment ließ er sich sogar ganz gut zum Joggen nutzen.







Dann, nach einem winzigen Zeitfenster, in dem die Temperatur wieder auf 0 bis 1 °C stieg und diese Eisformationen schmolzen, weiße Hölle.
Es schneite, wonach es schneite und schneite, gefolgt von noch heftigerem Schneefall. Daraufhin schneite es weiter, nur heftiger. Ach ja und dann war da noch Wind, der den zuvor erwähnten Schnee flächendeckend auf allem was man ihm zuwandte appliziert hat, sei es nun Mantel, Bart, Fahrrad oder Brille.

Ich meine heftiger Schneefall ist mir nicht unbekannt (so musste unsere Großmutter einmal bei uns einen weiteren Tag zu Gast bleiben, weil es über Nacht in Kempten so viel Schnee 'hergehauen' hatte, dass wir nicht einmal das Garagentor aufbekamen, geschweige denn das Auto hätten bewegen können). Aber das hier, der Schneesturm der Akureyri am frühen Morgen des 29. November traf, hat noch eine Schippe draufgelegt - pun intended.
Nach einem guten Meter Neuschnee hat es Akureyri dann auch in die österreichische Presse geschafft (Isländische Stadt versinkt nach Schneesturm in weißer Pracht, diepresse.com)
Ausnahmezustand herrschte deswegen dennoch nicht. Die Autos fuhren den Schnee platt nachdem das Gröbste beseitigt war und schufen so einen rund 25 cm dicken zweiten Straßenbelag.
Gut, der Bus kam ein paar mal nicht, aber das war schon alles. 

Das Problem ist nur: Straßen haben Priorität was das Räumen angeht. Als Fußgänger wird so selbst der alltägliche Einkauf im Supermarkt zur Polarexpedition. Aber sieht selbst auf den Fotos.

Der Wind nutzte jede Spalte um den Schnee hineinzuwehen.

Nach meinem Versuch mit dem Rad zur Uni zu kommen

So sah es innerhalb kürzester Zeit aus - es schneite weiter.

Wegen des ganzen Schnees vom Räumdienst übersehen.

In Akureyri wird kein Salz gestreut. 
Vielbefahrene Straßen sind als solche nicht unbedingt sofort zu erkennen.


(Memo an mich selbst: Fahrradfahren ist bei angekündigtem Schneesturm keine gute Idee.)

So weit so gut, man räumte täglich immer mehr, der Schneefall hielt sich nach ein paar Tagen in Grenzen und hörte irgendwann ganz auf.

Nun begann Phase 3: Das große Tauen.
Konnte man auf dem zusammengetretenen Schnee noch halbwegs problemlos laufen, so verhielt es sich gänzlich anders mit den Eispanzern die sich nach und nach überall bildeten, sobald der Schnee weit genug verdichtet wurde und tagsüber immer weiter taute und wieder gefror.
Glücklicherweise fand ich hier und da Spikes für die Schuhe, die andere Leute verloren hatten und konnte diese mir dann selbst an die Schuhe schnallen. Nebst Spikes hilft auch ein watschelnder-pinguinartiger Gang die Balance auch auf rutschigstem Eis zu bewahren. Bis zum Zeitpunkt dieses Eintrags bin ich noch kein einziges mal gefallen (gut, einmal mit dem Fahrrad, aber das zählt nicht).

Und nach anderthalb Wochen weiteren Tauwetters war all die weiße Pracht massiven Ausmaßes zu einzelnen kümmerlichen Eisflächen geschrumpft. Es gab also nur bedingt weiße Weihnacht.

Was gibt es nebst dem Wetter für Themen? Da wären laaange Nächte, die ich eigentlich erstaunlich gut ertrage, hätte ich so von mir nicht gedacht. Ich habe nur mit dem Aufstehen morgens (noch mehr als sonst) zu kämpfen. Die meisten anderen Studenten sind bereits wieder heimgeflogen, nur noch wenige halten hier mit mir die Stellung. Schachspiele, heiße Schokolade und ebenso heiße Bäder im Freibad füllen die Freizeit.

Auch Isländische Spezialitäten standen einige Male auf dem Speiseplan. Man muss sagen, die Art und Intensität wie beispielweise Lamm geräuchert wird ist schon speziell, aber jedem das seine. Für mich jedenfalls war dies nur in kleinen Mengen genießbar.

Weihnachten verbrachten wir zu acht als relativ bunt zusammengewürfelter Haufen aus Mitstudenten, Freunden und Bekannten derer. Es wurde gekocht (Islandlachs mir Knäckebrotkruste an Honig-Senf-Soße mit Kartoffeln und Rotkohlsalat, sowie eine vegetarische Alternative), und mit Musik in geselliger Runde wie man so schön sagt gegessen, getrunken, geredet.
Eigentlich wie zuhause, nur ohne Bescherung.

Die Feiertage wurde dann entspannt gebadet, sowie Sushi-Bar und Eisdiele ausprobiert, was natürlich dann wieder durch einen Wandertag am Súlur ausgeglichen werden wollte.

Auch habe ich bereits zwei mal wunderbare Nordlichter in Akureyri beobachten können, 

Über Sylvester sind wir nach Reykjavik gefahren, wo wir auf dem Hinweg am Kirkjufell waren -  ihn aber aufgrund eines herannahenden Schneesturms nicht gesehen haben. Mit Snaefellsnes hatte ich bisher einfach kein Glück was das Wetter angeht, da dies schon der zweite missglückte Versuch war besagten Berg zu sehen.

An Sylvester selbst gab es in Reykjavik dann über die ganze Stadt verteilt große Lagerfeuer an denen man sich aufwärmen konnte und die Feuerwerke von dort aus betrachten konnte (diese fingen bereits Tage zuvor an, und nahm über den gesamten Abend immer weiter zu, bis natürlich um 0 Uhr alle komplett ausgerastet sind. War zwar nice anzuschauen, aber für meinen Geschmack dezent übertrieben).

Danach noch einmal Teile des golden circle befahren und eine Gletschertour in den Langjökull gemacht. Habe sogar meine Jahrgangseisschicht (Schicht im Gletscher die sich in meinem Geburtsjahr gebildet hatte) erspäht. Faszinierend, wenn man zwar bereits 45 m unter einer Eis wandert und sich vorstellt, dass noch weitere 250 m unter einem liegen. Laut Prognose wird es den Gletscher als solchen nur noch bis zum Jahre 2165 geben. Wer also noch nicht dort war hat nur noch bedingt Zeit, da bis 2090 zumindest so viel geschmolzen sein wird, dass diese Tour nicht mehr möglich sein wird.

Auch die Zeit über die Feiertage sei besser mit Bildern erzählt:


Ein gefundener abgebrochener Kiefernast als Weihnachtsbaum.

Musste mich zurückhalten weil es Abends noch Pasta mit Muscheln gab.

Hallgrímskirkja in Reykjavik (links)
Statue (rechts) stellt Leifur heppni Eiríksson dar
(besser bekannt als Leif Erikson).

Aussicht bei Thingvellir.

Lichtspiele im Gletscher. Natürlich mit LEDs.

Happy new year from Reykjavik.


Gestern dann aus Reykjavik via Carsharing nach Akureyri gefahren. Nebst Uni-Projekte zu Ende bringen und dem Bereitmachen zur Abreise wird wohl nicht mehr all zu viel geschehen, weshalb hier wahrscheinlich mein letzter Eintrag (zumindest der in Island geschriebenen) stehen wird.

Ich hoffe jedem den es interessiert hat hier ein wenig Einblick, nicht nur in meine Erlebnisse, sondern auch etwas über das Leben in Island allgemein vermittelt zu haben. Vieles blieb ungesagt. Es ist immer schwierig alles was man eigentlich für interessant hält, all die Eindrücke zu bewahren und in passende Worte zu fassen ohne dabei zu sehr auszuschweifen.

Aber ich bin ja ohnehin bald wieder zurück in Deutschland und werde - geschrieben oder ungeschrieben - ausreichend Eindrücke heimtragen um euch persönlich davon zu erzählen :)

Tak fyrir og bless bless!

Kommentare

  1. Hey Fernando,
    ich bin aktuell auch auf der Suche nach einer Praktikumsstelle & bin sehr stark an einem Praktikum in Island interessiert. (Auch durch deinen Erfahrungsbericht, Blog)
    Könntest du mir den Namen des Professors weitergeben den du in deinem Erfahrungsbericht erwähnt hast?

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